Street Eats

Mit unserem letztjährigen Geburtstagsgeschenk für Bettina haben wir ja was losgetreten.
Der “La Mian Kurs” (Nudelziehen) hat Bettina und Thierry im Nachhinein so gut gefallen, dass das noch öfter thematisiert wurde – und seitdem werden wir als “kreative Schenker” gepriesen.

Die Dame in Rot hat sich sichtlich fein gemacht für die morgendlichen Tanzübungen, während der der Herr rechts es eher gemütlich mag beim Spaziergang….

Also, was denn nur diesmal?
Irgendwie war es dann gar nicht schwer!
Wir haben wieder eine gemeinsame Unternehmung verschenkt, und zwar eine Street Eats Breakfast Tour, für die wir dann gleich am Samstag einen für alle passenden Termin gefunden haben.

Los ging es um 8:45 Uhr bei den Tänzern im Xiang Yang Park. Von dort aus war es nicht weit zu unserer ersten von sechs Essens-Stationen (den Wet Market zwischendurch rechne ich jetzt da nicht mit).

Der ganze Laden ist so lang wie man hier sieht, ich stand an der Tür…

Unser erstes Ziel war ein “Pop-Up” Laden, der von zwei Familien betrieben wird. Von 4 – 11 Uhr morgens läuft das Ganze als Frühstücksplatz, danach wird alles ausgeräumt und es verwandelt sich anschließend unter den nächsten Betreibern in eine Hunan Garküche.

… und zwei Tische “tief”.

Dort gab es frittierte Tofustreifen mit würziger Sojamilchsuppe (油条 und 豆浆), die fand ich ganz ausgezeichnet, man stippt das so ein wie Martin im Bild. Zudem kann man auch die beiden Gebäckstücke – das Runde süß, das Eckige salzig – da eintunken.

Das ist der süße Sifantuan. Wenn man genau schaut, sieht man oben in dem frittierten Tofustreifen noch die weißen Zuckerkristalle. Im salzigen Kollegen ist dann unter anderem ein Ei drin.

Draußen vor der Tür werden die Reisbälle (Sifantuan) gefüllt, die gibt es auch in den beiden Geschmacksrichtungen. Zu sehen auf dem Titelbild und hier oben in groß, von unserem Guide Kelvin mit einer Kinderbastelschere auseinander geschnitten.

Hier werden gerade unsere scallion oil pancakes geschnitten, die wir dann zur zweiten Station mitgenommen haben.

Kelvin hatte uns gewarnt, das wir nach der ersten Station ungefähr nur zu 20% “voll” sein sollten, da noch entsprechend viel kommen würde. Also habe ich von beiden Reisbällen nur minimal probiert und darauf verzichtet die würzige Sojasuppe auszutrinken.

Der Xian Le Baozi Laden an der Kreuzung Xian Yang Road und Chang Le Road.

Die Agentur UnTour Food Tours ist echt teuer, dafür kann man aber ab sechs Personen eine private Führung buchen und man hat auch richtig was davon.

Das Foto hat Martin ziemlich zum Schluss hin gemacht. Thierry und Bettina und ihre Freunde Ives und Ines – das war unsere kleine Gruppe.

Unser Guide war klasse, aufgewachsen in Hongkong, Shanghai, USA, hat klare Ansagen gegeben, so wie man es erwartet und war mega gut ausgestattet. Nicht nur mit Bastelscheren zum Essen Zerteilen, auch mit feuchten Tüchern, Handdesinfektion, Wasser für alle und – der Clou! – einem Fleckenentfernerstift, der super gewirkt hat.

Was hier so dampft, kommt aus einem riesigen Topf mit brodelnder Suppe, der direkt unten vor den linken Körben auf dem Boden steht. Nicht abgedeckt, jeder kann theoretisch beim Vorbeigehen dagegenstoßen, man muss aufpassen, dass es einen nicht anspritzt.

Ein Baozi ist ein gedämpfter Hefekloß, etwa faustgroß; kann man wahrscheinlich ganz gut mit einer Dampfnudel vergleichen. Die mit Füllung sind ganz ok, es gibt sie auch ohne und noch größer, die finde ich recht nichtssagend.

In einem kleinen Laden mit ein paar Tischchen ein Stückchen dahinter gab es also die mitgebrachten Pancakes (scharf und weniger scharf), einen mit süßer Eiercreme und einen mit Fleisch gefüllten Baozi und die sogenannten Potstickers. Die kann man vielleicht mit angebratenen Maultaschen vergleichen; sie werden mit Hackfleisch gefüllt, in Wasser gekocht und kommen danach kurz in die Pfanne.

Von denen ist mir einer in die Sojasoße geplatscht und hat Richtung Bettina gespritzt- daher weiß ich das mit dem Fleckenentferner…!

Zudem hatten wir hier noch “trockene” Wontons (trocken, da nicht in Brühe schwimmend). Bitte nicht denken, dass jeder von solchen Gerichten immer von allem eine Schüssel voll hatte, das wäre ja viel zu viel gewesen, man hat sich meistens zu Dritt ein Schüsselchen geteilt, das kam immer ganz gut hin.

Dry mixed Wontons

Nach all diesen Verkostungen waren wir dann doch etwas erleichtert als uns ein Kaffee und ein anschließender ca. 45minütiger Spaziergang in Aussicht gestellt wurden.

Super Idee von Martin, das mit Zeitraffer zu filmen!

Die Jianbing (eine Art pikanter Crepes) würden wir als Wegzehrung mitnehmen, hieß es. Allerdings sind die warm so lecker, dass von den meisten schon nichts mehr übrig war als wir beim Café Egg angekommen waren.

Die Kochstelle teilt man sich, aber jeder einzelne Wohneinheit in diesem Aufgang hat ihren eigenen abschließbaren Wasserhahn. Acht Stück zählt man hier.

Unser Weg führte uns dann durch ganz typische Shanghaineser Lilongs – das sind schmale Wohngassen mit Mehrparteien-Reihenhäusern, meistens nur für Mopeds zu befahren, die von einer einzigen Hausnummer an einer größeren Straße aus abzweigen und manchmal recht labyrinthisch den Zwischenraum zwischen zwei Parallelstraßen ausfüllen.

Überall in der French Concession finden sich Reste vom ursprünglichen Art Déco, auch wenn häufig um-, an- oder darübergebaut wurde.

In diesen Communities teilt man sich häufig die Kochstellen und die sanitären Anlangen. Je nach Alter und Zustand des Lilongs sind letztere dann sogar draußen für einige Häuser gemeinsam.

Mitten in den kleinen Gassen dann ein großes, relativ verwahrlostes Grundstück, das einmal ein Bauernhof war – Spuren vergangener Pracht lassen sich noch erahnen.

Moderne Architektur des frühen 20. Jahrhunderts und dahinter die Stahl-Glastürme so wie man sie 100 Jahre später geplant hat.

Sobald man von den Straßen abbiegt und sich in das Gewirr der Lilongs macht, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das ist auch Shanghai und immer noch mitten in der Stadt. Vieles sicher schon als künftiger Baugrund für imposante neue Wohntürme verplant, obwohl es neuerdings ein Umdenken zu geben scheint, hin zum Bewahren und Restaurieren dieser so typischen Wohnformen Shanghais. Wie es auch kommt, die alten Bewohner werden sich das so oder so nicht mehr leisten können.

Man muss sich auch nichts vormachen: Romantisch sind die Lebensumstände dort nicht, die Häuser sind meist feucht, die Wohnräume dunkel, teils winzig, und selbst nach wochenlang trockenem Wetter mit Sonnenschein riecht es in diesen Gassen modrig.

Während wir im Imperial Noodle House in der Chang Le Lu auf unsere nächsten beiden Gerichte warteten, kam dieser alte Herr herein um sich vermutlich sein frühes Mittagessen abzuholen. In klar verständlichem Englisch erzählte er uns, er sei 92 Jahre alt und habe für/ mit Siemens gearbeitet. In Hamburg, wo Bettinas Freunde zuhause sind, war er schon gewesen. Wären nicht sein und unser Essen gekommen, hätte er sicher noch etwas mehr plaudern wollen.

Bamboo Tofu (ein kalt angemachtes Gericht, was eigentlich gar kein Tofu ist) und handgemachte Scallion Oil Noodlesdie typischen Shanghaier Nudeln mit knusprigen Frühlngszwiebeln.

Mittlerweile war es schon gleich 12 Uhr mittags und es standen noch ein Nudelplatz und dann am Ende noch eine Bäckerei auf dem Programm.
Im Humble Room Soup Dumplings (Diese Namen sind übrigens 1:1 übersetzt und einfach großartig!) hatten wir steam dumplings, die kennt ja mittlerweile jeder, und dazu noch die 1000 Mile Fragrant Wontons, angeblich kommt der Name von dem wunderbaren, von Ferne schon zu riechenden Duft…

Übrigens trifft es sich ganz ausgezeichnet, dass es gerade 18 Uhr ist und heute einer der “Kochtage” unserer ayi!
Hab vorhin schon mal geschaut was sie so zaubert, hoffentlich kommt Martin nicht so spät, es riecht schon gut. 1000 Meilen gut?!