Gu Yi Garten

Heute nehme ich euch mit auf einen Frühlingsspaziergang im Gu Yi Garten, den ich mit Monja am Mittwoch gemacht habe.
Und für den, der Lust hat “mitzugehen”, habe ich hier sogar die Karte zur Orientierung.

Traditionell fangen wir immer am Südtor (unten im Plan) an und hören am Nordtor auf, weil dort nebenan die Dumpling-Läden sind. Aber da die zur Zeit sowieso noch geschlossen sind und wir Brotzeit mitgenommen hatten, sind wir nun zum allerersten Mal nicht “rechts herum”, sondern “links herum” gegangen: Das ist der ältere Teil des Gartens, der ist verwinkelter und hat viele schöne Gebäude.

Über die Zickzackbrücke sind wir zum Angle Missing Pavillon (wie es im Plan heißt) auf seinem Hügelchen hochgeklettert und haben dort die beiden Herren hier vertieft ins Gespräch und schon beim Vorbereiten des Mittagessens angetroffen.

Der Pavillon des Fehlenden Dachfirsts auf dem Zhuzhi Shan/ Bambushügel soll an die Besetzung der drei mandschurischen Provinzen durch Japan 1931 erinnern. Der nordöstliche First fehlt absichtlich und anstelle von Dachreitern sieht man auf beiden Seiten eine… geballte Faust!

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – der 9 Hektar große Gu Yi Garten wurde nicht erst im 20. Jahrhundert angelegt, wie man nun vermuten könnte. Er gehört zu den Fünf Klassischen Gärten Shanghais, entstand zwischen 1522 und 1566, und hat natürlich bis heutzutage immer wieder Veränderungen erfahren.

Wie oft ich inzwischen im Gu Yi Garten war, weiß ich gar nicht genau, nur noch dass es 2015 im April das erste Mal war. Nun, fünf Jahre später, wieder im April, und ich glaube so schön habe ich diesen Park noch nie gesehen.

Von der gegenüberliegenden Seite aufgenommen ist hier im Hintergrund noch einmal der Pavillon des Fehlenden Dachfirsts, davor der Floating Bamboo Shed, in dem anfangs auch Tänzerinnen geübt haben.

Es war einfach perfekt, und zwar alles. Angefangen von der Tages- und Jahreszeit, dem Licht, zunächst war es noch etwas bewölkt, dann immer schöner, angenehm warm, nicht heiß, aber auch nicht zugig, wenig Wind, so dass man die Jacken ausziehen und schöne Reflexionen fotografieren konnte.

Schon während des “Abstiegs” vom Bambushügel haben wir drüben auf der anderen Seite des nächsten Wassers den Sänger gesehen und gehört. Er ist mit einigen Damen in Begleitung durch die liebliche Umgebung geschritten und hat sich die Wartezeit auf seine ganz eigene Weise vertrieben, während die Ladies Fotos gemacht haben. Leider ist die Videoqualität mit Zoom bei Handyfilmen nicht besonders gut – aber es geht ja um den Eindruck.
Stellt euch so etwas mal in Deutschland vor…

Später sollten wir die Herrschaften noch etwas näher kennenlernen…

Mein Lieblingsbild, diese wundervolle Spiegelung. Rechts oben im Baum und über die runde “Brücke” rankt sich eine riesige, blassblaue Glyzinie.

Weiter ging es in die Flying Hawk and Leaping Fish Veranda, zu der uns orientalisch anmutende Klänge hinzogen. Anfangs haben wir ein bisschen von Außen zugeschaut, die Tänzerinnen wirkten so freundlich, dass wir uns hineingetraut haben.

Mit der Dame im blauen Rock bin ich in einer ihrer Pausen noch ein bisschen ins Gespräch gekommen. Wie wir schon vermuteten, sind sie alle aus der Autonomen Region Xinjiang, und sie kommen hierher um zu trainieren und sich fit zu halten. Meine Gesprächspartnerin ist 71, die älteste der Freundinnen ist 73, das ist die Kurzhaarige im Hintergrund.

Ganz im Norden des Gartens sind wir durch die überdachten Passagen geschlendert, das sind die orangefarbenen Strukturen auf dem Plan.
Es ging schon auf Mittag zu und hier im Schatten auf den Brüstungen versammelt man sich dann üblicherweise zum Ratschen, Brotzeit machen, Rauchen, Singen und Fotografieren, das ganze soziale Leben spielt sich hier ab..

Immer schwierig mit zwei Kameras aus zwei verschiedenen Winkeln. Jeder schaut dann automatisch zu seiner Bezugsperson.

Dort haben wir auch den Sänger mit seinen Damen wieder getroffen, die sich mit Singen, Posieren und Fotografieren vergnügt haben. Dass wir sie beobachtet haben und Monja mit ihrer Kamera fleißig mitfotografiert hat, das hat sie gar nicht gestört, im Gegenteil, eher noch mehr inspiriert.
Da wurde für uns, das umliegende Publikum und den Fotografen mit Schals und Stolas gewedelt, neckisch am Zöpfchen gezogen (die Dame links) – und irgendwann habe ich gesagt: Monja, da geh ich jetzt mal mit meinem Schal hin…!

Ich habe mich vorsichtig fragend mit meinem Tuch und natürlich (!) mit Maske (!) angenähert und wurde super begeistert empfangen. Der Sänger hat angefangen uns Instruktionen zu geben und zu fotografieren und plötzlich gefordert, dass ich die Maske aber abnehmen müsse, so wär das ja nix…
So oft man derzeit auch von Feindseligkeiten gegenüber uns Ausländern hier hört, und auch wenn wir das manchmal erleben, dass Einheimische einen Bogen um uns machen – im Gu Yi Garten wurden wir freundlich und mit der typisch chinesischen Neugier integriert.

Nachdem wir herzlich verabschiedet wurden, sind wir so ordentlich verhüllt weiter gezogen, es war gegen 12 Uhr und wir wollten uns auch ein Plätzchen zum Essen suchen, aber ein etwas ruhigeres, abseits vom Foto-Trubel.

Der Herr heißt Huang Ming Xian und scheint eine Berühmtheit zu sein, was die Nanxiang Steam Dumplings betrifft. Diese Statue neben dem Untied Boat Pavillon aus der Ming Dynastie ist seit meinem letzten Besuch neu dazugekommen. Der Gartenplan erklärt, dass die beliebten Dumplings das erste Mal in diesem Pavillon verkauft wurden!

Das Untied Boat mit der Statue links daneben. Ganz am Anfang von unterhalb des Bambushügels fotografiert, als das Wetter sichtlich noch schlechter war.

Ob Klein oder Groß, für den Besuch im Garten zieht man sich was Besonderes an.
Hier oben wollten wir eigentlich Pause machen, sind wegen mangelnder Sitzgelegenheit aber genau unterhalb im White Crane Pavillon gelandet, aus dem wir uns etwa eineinhalb Stunden lang nicht mehr wegbewegt haben.

Wie immer im Gu Yi Garten habe ich das einfache Sichtreibenlassen genossen, mal schauen, was hier oder dort so los ist, die vielen kleinen Begegnungen mit den Einheimischen, die immer an einem Ratsch oder an bisschen Spaß interessiert sind.
Sehr unverkrampft, immer authentisch und natürlich auch immer ein bisschen interessiert am Selbstdarstellen.
Das pralle Leben eben. Dafür liebe ich China.

Dieses Trüppchen haben wir auf dem Weg zum Ausgang getroffen.
Wie Oben schon erwähnt: Für den Ausflug in den Park zieht man nicht so wie wir Jeans und Sneakers an, nix da, man macht sich schön, denn man hat ja einiges vor…!

Nach fast vier Stunden Müßiggang im Park, in denen wir nicht einmal weiter als bis zur Mitte der Anlage gekommen waren, waren wir beide auch ähnlich müde…